Mittwoch, 12. September 2007

"Meine Mitte will Pizza"

Möglicherweise wäre, trotz der unerfreulichen Außentemperatur der Marktplatz doch eine bessere Wahl gewesen, als der viel zu kleine Saal der Stadtbücherei, als der Zündfunk mit der umherschweifenden Veranstaltung „Bavarian Open Word“ dem Nachwuchs der schreibenden Bohème, diesmal in Würzburg, ein Podium zur Verfügung stellte. Jedenfalls war jenseits der Bühne eklatanter Platzmangel zu beklagen. Vielleicht hatten die Stadtverwalter aber auch nur nicht damit gerechnet, dass tatsächlich mehrere Zuhörerden Nachwuchsautoren zuhören wollen würden, wenn sie selbstverfasste Texte zu dem Motto „Meine Mitte“ vortragen Ein vorgegebenes Leitmotiv, welches im Gelesenen mitunter sogar entfernt zu erahnen war. Gelegentlich allerdings auch überhaupt nicht, was allerdings, bei einem doch recht nichtssagenden Thema wie diesem, nicht weiter negativ auffiel.

Den Anfang machte Sonja Weichand mit Gedichten, die ihren Platz in der
Lyrikecke redlich verdient hätten. Was nicht als Kompliment miss zu verstehen ist. Die Herkunft vom Poetry Slam war zu überdeutlich, und freie Rhythmen (bzw. eine teilweise nicht vorhandene Rhythmik) über Liebe, Herzschmerz und Banalitäten hat man sogar dort schon besser gehört. Ihrem eigenen Anspruch an ihre Lyrik, mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen, was sie sagen will, entsprach sie mit Pointen wie „Meine Mitte will Pizza / Und zurück ins Bett“ leider selten. Außer freilich, man unterstellt, dass sie eigentlich nichts sagen will, dann aber braucht sie doch noch ein paar Worte zuviel dafür. Mit ihren eigenen Worten zu sagen: „Du bist nicht verliebt / Du bist ein hoffnungsloser Fall“ wäre wohl dennoch übertrieben, aber besser als das, was sie hier gelesen hat, dürfte allemal nicht besonders schwierig zu machen sein.

Als zweiter trat Jan-Phillip Dietl ans Mikrofon. Der Mann mit dem Vogelnest auf dem Kopf las eine Kurzgeschichte, die stilistisch beinahe in etwa so an Charles Bukowsky und T.C. Boyle erinnerte, wie er selbst optisch an Art Garfunkel. Inhalt der Story war die (überaus amüsante) Entwicklung eines Todeswunsches des Erzählers gegen einen seiner Mitbewohner, einen unsympathischen Althippie, der kaum, dass er in dessen WG eingezogen ist sein komplettes Leben feindlich übernimmt, es zu einer linksalternativen Hölle umgestaltet und selbst mit den gewagtesten und abstrusesten Plänen nicht aus der Wohnung zu vertreiben ist, um dann schließlich den abgefeimten Mordplänen des Protagonisten durch den eigenen Tod bei einem „bizarren Gartenunfall“ zu entgehen und – um die Groteske zu vollenden – nur eine seltsame Leere hinterlässt, wie eine „nervige Katze, die nicht mehr nach Hause gekommen ist“. Vor dem Hintergrund dieses durchaus amüsanten Ausflugs ins wilde Absurdistan, das mitunter nur über den Flur gelegen ist, kann der von JPD relativ nüchtern festgestellte Verlust eines Ordners mit drei Romankonzepten schon beinahe als tragisch bezeichnet werden.

Nach ihm las Hannah Gottschalk ein neoromantisches Poem über Wolken und Vögel und den Wind, den man ausschimpft und der dann doch Geschenke von ihr bringt, was allerdings weitaus schlimmer anhört, als es letzten Endes dann war, da sie es schaffte den eher schwächlichen Inhalt durch einen gekonnten Umgang mit der Sprache recht angenehm zu gestalten, ohne dass dabei wirklich erkennbar wurde, warum es eigentlich gefiel. Das von ihr selbst als nicht besonders gelungen bezeichnete, und glücklicherweise recht kurze Gedicht, mit dem sie danach das Motto der Veranstaltung aufgreifen wollte, war dann allerdings tatsächlich nicht der Rede wert.

Zuletzt übernahm noch „Stargast“ Knarf Rellöm X, der Sonnenbrillenmann mit der Trommel und dem Stimmverzerrer, die Bühne mit einem Vortrag, der möglicherweise komisch sein sollte. Allerdings war er anfangs nur mäßig amüsanter als die Pro Sieben Märchenstunde und ließ dann konsequent nach - was sich nicht zuletzt an einem sich merklich leerenden Zuschauerraum beobachten ließ – bis man sich nach gefühlten zweieinhalb Stunden dann doch das rigide durchgesetzte Zeitlimit beim Poetry Slam sich zurück zu wünschen begann. So hinterließ der Auftritt dann auch ein merkwürdiges Gefühl, als ob der Veranstaltung noch irgendetwas gefehlt hätte. Zum Beispiel ein weiterer Beitrag, um die trommelnde Ödnis zu kompensieren.